Zunächst erscheint es mir sinnvoll zwei Begriffe zu klären.
Ich verwende das Wort Selbstbehauptung (SB) für Situationen
in denen Körpersprache und Stimme eingesetzt werden um die
eigenen Grenzen zu verteidigen. Die Prävention sozusagen.
Die Rückendeckung um hier überzeugend und stark aufzutreten
sind körperliche Techniken der Selbstverteidigung (SV) WT,
als Kampfkunst ist auf technischer Ebene für alle WT.
Die Unterscheidung in weibliche und männliche Realität
wird erst wichtig wenn wir über realistische SV / SB sprechen.
Realistische SB / SV muss sich auf die jeweilige (Er-) Lebenswelt
beziehen sonst bleibt alles Erlernte wirkungslos.
Schauen wir uns also an was Frauen im Alltag wirklich passiert.
Sexuelle Belästigung zum Beispiel:
Das sind Tatbestände von "zufälligen" Berührungen,
in den Po, die Brust kneifen, pornographischen Bilder, Bemerkungen
über den Körper, anzügliche Witze, bis hin zu Aufforderung
zum Sex und dergleichen mehr. 58% aller Frauen haben das schon erlebt.
Interessant scheint mir, dass sexuelle Belästigung am häufigsten
im öffentlichen Raum, am Arbeitsplatz, in der Schule, im Training
und in der Ausbildung passiert. Die Täter sind dem Opfer meistens
unbekannt.
Die häufigsten Übergriffe jedoch mit denen Frauen zu
rechnen haben passieren durch ihnen bekannte Männer. Oft ist
es der Freund, der Ehemann oder Ex, der Nachbar, Trainer oder dergleichen.
Der gefährlichste Ort für Frauen (und Kinder!!!) ist ihr
eigenes Zuhause. Gemäß einer durch die WHO und die Weltbank
beauftragten Studie an Frauen zwischen 16 + 44 Jahren weltweit,
ist die häufigste Ursache für Tod und körperliche
Schäden, häusliche Gewalt. Häufiger als Krebs, Malaria
und Verkehrsunfälle.
Schon diese beiden Informationen machen deutlich, das es zum einen
die verschiedenen subtilen Formen von alltäglicher Belästigung
sind für die Frauen wirkungsvolle Strategien benötigen.
Und zum anderen muss SB / SV -training Frauen darauf vorbereiten,
dass sich Liebe (Beziehung) und Gewalt oft vermischen. Ein sehr
wichtiger Punkt.
Sonny Graff (SV Trainerin und Buchautorin aus Frankfurt) bezeichnet
es als Opfertraining wenn Frauen sich in diesen alltäglichen
Situationen nicht behaupten können weil sie dann jedes Mal
ihre Unterlegenheit trainieren und Schritt für Schritt in die
Opferrolle hineinwachsen. Frauen sagen häufig selbst, sich
gegen einen fremden Täter zu wehren scheint ihnen verhältnismäßig
einfacher als gegen den Freund, Ehemann den Ex, den Chef oder dergleichen.
Hier Beispiele für schwierige Situationen:
1. Der Ehemann sitzt am Steuer des gemeinsamen Autos. Das Auto
parkt am Straßenrand und der Mann drischt mit der Faust auf
seine auf dem Beifahrersitz sitzende Frau ein. Auf der Rückbank
sitzen ein kleiner Junge von 4 Jahren und ein Mädchen von 6
Jahren. Die Frau kann nicht einfach aussteigen um sich selbst in
Sicherheit zu bringen. Sie muss eine Strategie finden um auch die
Kinder aus dem Auto zu bringen. Sind Kinder bei (häuslicher)
Gewalt mit betroffen (was sehr oft der Fall ist) muss die Vorbereitung
also auch den Schutz der Kinder mit einbeziehen.
2. Eine Frau (alleinerziehende Mutter) arbeitet in einer Arztpraxis.
Ihr Chef ist freundlich und sie fühlt sich zunächst wohl
an ihrem neuen Arbeitsplatz. Dann macht er ihr immer öfter
Komplimente. Über ihre Kleidung, ihre Figur. Er berührt
sie beiläufig und steht plötzlich im Umkleideraum wenn
sie sich umzieht. Er lädt sie auch mal ein, nach der Arbeit.
Sie redet sich raus. Sie versucht ihm aus dem Weg zu gehen. Sie
hat Angst ihren Arbeitsplatz zu verlieren wenn sie etwas sagt. Eine
ganz alltägliche Situation in der ein Mann seine Machtposition
ausnutzt und eine Frau sich nicht traut ihre Grenzen zu verteidigen
weil sie angewiesen ist auf den Job.
Gewalt gegen Frauen (und Kinder) ist möglich weil es Hierarchien
gibt. Ein Oben und ein Unten. Gewalt ist Machtdemonstration. Frauen
wissen das ganz intuitiv und Männer sowieso. Der Mann, der
die Grenzen einer Frau missachtet, zeigt damit: Ich habe die Macht.
Ich kann das tun weil ich der Überlegene bin. Aus der Opferrolle
auszusteigen ist die erste Entscheidung, die jede/r für sich
treffen kann. Die innere Stärke ist entscheidend für Sieg
oder Niederlage. Es ist wichtig Entschlossenheit, Willenskraft und
innere Klarheit zu fördern. SB /SV Techniken nutzen nur dann
etwas wenn ich mir auch zutraue sie anzuwenden. Es geht neben der
technischen Ausbildung immer auch um die emotionale und mentale
Vorbereitung.
Jede Situation kündigt sich im Vorfeld an und jede Frau spürt
das auch.
Im Nachhinein sagt sie dann Sätze wie: "Das kam mir schon
komisch vor…"; "Irgendetwas stimmte nicht..."
usw. Dieses Erkennen muss (wieder) ins Bewusstsein gerückt
werden. Dann kann eine Frau sofort reagieren und das ist das Allerwichtigste.
Betrachten wir die verschiedenen Formen von Gewalt wird deutlich,
dass die Übergänge von noch "nur" verbaler Grenzüberschreitung
zu tätlichen Angriffen oft fließend sind. Der Mann der
eine Frau gerade belästigt, will vielleicht nur testen ob sie
das geeignete Opfer ist. Grenzüberschreitungen jeglicher Art
können solch ein Test des Täters sein und der Auftakt
zu massiver körperlicher Gewalt.
Jede körperliche Eskalation die verhindert werden kann ist
ein Sieg!
Für einen realistischen SV Unterricht ist es wichtig, neben
den subtileren alltäglichen Formen von Gewalt auch auf der
körperlichen Ebene genau zu schauen welche Situationen Frauen
wirklich erleben.
Wichtig sind neben körperlichen Angriffen wie Ohrfeigen, Festhalten
jeglicher Art, bis hin zum Umklammern, Körperliches bedrängen
(zum Beispiel an die Wand drücken) und Antatschen jeglicher
Art, sich auch auf den Kampf am Boden vorzubereiten. In jeder Form.
Gegen den noch stehenden Angreifer, gegen den der auf ihr sitzt,
am Boden, auf dem Sofa, im Bett usw.
Hier zwei Beispiele für alltägliche Situation im Frauenleben
die dies verdeutlichen sollen:
1. Eine Frau wird wach als ein Mann neben ihrem Bett steht und
sich gerade die Hose auszieht. Er ist über den Balkon eingestiegen
und will sie vergewaltigen.
2. Eine Frau liegt schon im Bett und schläft. Sie wird wach,
als ihr angetrunkener Mann sich auf sie legt. Er will Sex. Sie will
das nicht und er ignoriert ihr "Nein", hält sie fest
und wird immer gewalttätiger. Hier ist neben der körperlichen
Verteidigung in Bodenlage auch wieder die Verbindung zum Täter
in die Vorbereitung mit einzubeziehen. Wahrscheinlich sind Kinder
in der Wohnung. Auch das muss berücksichtigt werden.
Der eigenen Intuition folgen, die Situation, den Ort rechtzeitig
verlassen und / oder durch den Einsatz von Körpersprache und
Stimme einen Übergriff sofort zu beenden muss immer das erste
Ziel sein von realistischer SB / SV.
Die körperlichen Techniken dienen, neben ihren Anwendungsmöglichkeiten,
auch als Rückendeckung um im Vorfeld klar und selbstbewusst
"Nein" zu sagen.
Nicht mehr Opfer sein zu wollen ist eine kraftvolle Lebensentscheidung!